Der Gemeindehirte

In fast jedem Ort in der Lüneburger Heide und Wendland gab es früher bis zu drei Gemeindehirten. Es waren der Schweinehirte, Kuhhirte und der Scharfhirte. Das Leben aller drei Hirten hatte vieles gemeinsam. Stellvertretend für alle Hirten wollen wir uns den Schweinehirten etwas näher betrachten.

Der Schweinehirt ( auch Sween genannt ) ging im Frühjahr bis in den Herbst mit seinen Schweinen in die Wiesen ,auf die abgeernteten Äcker und im Herbst auch in den Wald zur Mast ( fressen von Eicheln, Bucheckern und Kastanien ). Am frühen Morgen ließ der Hirte sein Tuthorn erschallen. Eiligst wurden die Hoftore von den Dorfbewohnern geöffnet. Der Hirte sammelte seine „Schützlinge“ ein und zog mit ihnen den gewohnten Weg in die Natur. Am Abend zeigte lautes, lustiges Tuten die Rückkehr der Herde an, und zufrieden öffneten die Eigentümer ihre Hoftore, um die satten Tiere in Empfang zu nehmen.

Der Hirte führte ein beschauliches Dasein. „Sween“, Schäfer und Kuhhirte waren von allen geachtet, da sie die Krankheiten des Viehes zu behandeln verstanden. Einige unter ihnen konnten auch durch allerlei Wurzeln, Blätter, Blüten und Beeren auch Menschenleiden heilen und lindern. Grosse Kosten verursachte der Hirte der Gemeinde nicht. Was hatte so ein alter Mensch auch viel Bedürfnisse: Speis und Trank erhielt er von den Besitzern, dazu jährlich als Kleidung je eine Beiderwandhose und ein Kittel. Ein Rock für den Kirchenbesuch reichte für das ganze Leben. Das nötige Taschengeld konnte er sich bequem durch Korbflechten, Besenbinden, Harkenzinken machen, Löffelschnitzen, Stricken und dergleichen Fertigkeiten verdienen. In einigen Gemeinden wurde dem Hirten, die Schweine die nach dem Johannistag im Juni geboren wurden als Lohn angerechnet. Er konnte sie für sich füttern und hatte dadurch noch ein zusätzliches Einkommen. Für die Dorfkinder war der Hirte auch interessant, denn er erzählte oft viele Geschichten und Märchen aus alter Zeit und zeigte ihnen viele nützliche Sachen für ihr späteres Leben. Die Hirtenkote (Haus) war sehr ärmlich gehalten. Sie war klein, oft nur ein Raum mit einem kleinen Stall dabei. Das Dach wurde mit Stroh gedeckt, durch das Regen und Schnee oft hindurch kam. Wenn die Hirten nicht mehr mit den Tieren aus dem Dorf ziehen konnte, und sie einem jüngeren Hirten sein Tuthorn übergeben musste, wurde er von der Gemeinde bis zum Tode versorgt.

So ist das eben: Wer nichts gelernt hat, muss die Tiere hüten.

Tosterglope, den 12.06.01

Volker Weber