Sitten, Gebräuche und Aberglaube

a) Allgemein:

Tannenbäume waren zu Weihnachten früher nicht allgemein üblich. Die Kinder stellten einen Schuh ans Fenster, in dem der Weihnachtsmann, der ab und zu auch selbst erschien, Gebäck hinterließ. Die Dienstboten erhielten von der Herrschaft einen Semmel oder einen Butterkuchen.

Die Kühe bekamen am Christabend Hafer zu fressen. Eine besondere Zeit war vom 24. Dezember bis zum 6. Januar (von Weihnachten bis zu den Heiligen Drei Königen). In ihr durfte z. B. nicht gewaschen werden, denn sonst bekleidete im nächsten Jahr ein Totenlaken die Bahre. Wurde Dünger gefahren, so war dies die Vorankündigung für einen Leichenwagen.

Die Christnacht war und ist eine günstige Zeit, um in die Zukunft zu sehen. Ist es in der Christnacht vor Mitternacht stockdunkel, so bleibt die Frühsaat stecken; ist es dagegen hell, so gerät sie gut. Liegt am Heiligen Abend zwischen 12 und 1 Uhr die oberste Kuh im Stall, so stirbt bald die Frau des Hauses, liegt ein Pferd, so stirbt der Mann.

Besonders günstig für die Erforschung der Zukunft ist auch die Silvesternacht. Wirft ein Unverheirateter am Silvesterabend einen Schuh rückwärts über den Kopf aus der Tür und zeigt die Spitze nach vorne, so verheiratet der Betreffende sich im nächsten Jahr. In der Silvesternacht kann man in der Glut des Ofens das Bild der oder des Zukünftigen sehen.

Am Silvesterabend wurde in manchen Gegenden Unfug getrieben; besonders bei solchen Personen, die nicht allgemein beliebt waren. An vielen Orten sangen die Kinder das Lied „Das alte Jahr vergangen ist“ vor den Türen und gratulierten zum Neuen Jahr, wofür sie eine Gabe erhielten. Fastnacht war überall ein gern gefeiertes Fest, für das die Dienstboten drei Tage Freizeit von der Arbeit erhielten. Sie sogen durch das Dorf von Haus zu Haus, bekamen zu Essen und zu Trinken und allerlei Geschenke. Abends wurde dann gegessen und getanzt. Ostern wurden überall Freudenfeuer angezündet und dies, obwohl es bereits seit 1734 offiziell verboten war.

Am Ostermorgen machte die Sonne nach alter Vorstellung drei Freudensprünge. Nachmittags wurde darum an manchen Orten mit einem Ball gespielt. Regen am Karfreitag oder Ostermontag bedeutete ein trockenes Jahr. Strickt man am Ostersonntag, so brennt das Haus ab. Die Sitte, Maibüsche vor Häuser und Kirche zu stellen, ist bereits uralt. Um 1690 gab die Kirche in Artlenburg dafür 1 Reichsthaler und 8 Schillinge aus. Wer am Pfingstmorgen zu lange schlief, bekam einen Diestelkranz und wurde Pfingstnarr. Bei uns zogen schon früher am Pfingstsonntag die Kinder mit dem Pfingstkalb (es durfte auch ein Ochse sein) durch das Dorf und bekamen an den Häusern für ein Gedicht Kuchen, trockenes Obst oder Geld.

Ein Pfingstspruch aus jener Zeit hieß:

Pingstbötel hett dat Been afhackt, Moin willt wi dor Supp von koken. Hebbt jü Eier un Stück Speck? Smeckt de Pingstbötel ok so nett. Howerstroh, Bookwetenstroh Tokem Johr noch enmol so!

Bei einer Ablehnung: Rull, rull, rull Dat ole Wiew is dull! Witt`n Tweern, swarten Tweern- Dat ole Wiew dat givvt nich geern.

Hauptvergnügungszeiten, bei denen sich auch manche Verlobungen entwickelten, waren die Jahrmärkte in den Kirchdörfern mit ihren Tanzereien, die außerdem an den zweiten hohen Festtagen und nach der Ernte stattfanden. Wurde ein neues Haus gebaut, so fand nach der Aufstellung des Holzgerüstes das Richtfest statt. Auf das Haus wurde eine Krone gestellt, die ein Mädchen dem Zimmermeister zusammen mit einem Spruch zu dieser Gelegenheit übergab.

Der Zimmermeister oder der erste Geselle hielten eine Ansprache und leerten dabei ein Glas, das sie auf das Wohl des Bauern tranken. Danach warfen sie es auf die Erde, so dass es zersprang; das brachte Glück. Nach dem eigentlichen Richtfest wurde gefeiert.

b) Volksheilkunde

Früher gab es wenige Ärzte und die vorhandenen waren schwer zu erreichen. Da half man sich mit Hausmitteln oder wandte sich an einen Heilkünstler, vielfach alte Frauen. Einer, der großen Zulauf hatte, war der Schäfer Ast aus Radbruch, der Krankheiten aus den Haaren ersehen wollte. Unzählbar waren die Hausmittel gegen Krankheiten z. B. gegen Erkältungen: Holunder oder Lindenblütentee, gegen Leibschmerzen der Tee von der Schafgarbe, gegen Warzen der Saft vom Schöllkraut und gegen Würmer Wermut und Rainform. Um sich vor dem Zipperlein zu schützen, steckte man Kastanien in die Tasche. Um das Kind vom Bettnässen zu befreien, verbrannte man eine Maus. Gegen Zahnschmerzen half ein Nagel aus einem Sarge. Das Bestreichen mit einer Totenhand half gegen Blutschwamm, Mauseflecke und Warzen. Warzen warf man über den Kopf und betete ein Vaterunser dabei. Wer schlimme Augen hatte, sah ins Osterfeuer. Ein Stück Kohle vom Osterfeuer heilte Vieh. Der Viehdoktor übte übrigens oft gleichzeitig einen anderen Beruf aus; z. B. war er Schmied. Viele Krankheiten führte man auch auf den Aberglauben zurück, der auch noch heute bei uns zum Teil im Unterbewusstsein vorhanden ist. Wenn z. B. eine schwarze Katze über die Straße läuft, denkt man an einen Unfall, der passieren könnte, oder wenn es ein Gewitter gibt, werden oftmals nur Kerzen angezündet und viele Menschen sitzen mit ihrem Hab und Gut in der Küche.

c) Die Dienstbotenzeit

Nach einigen Jahren wurden die Jugendlichen zu Klein- oder Großknechten bzw. zu Klein- bzw. Großmarkt. Die Kinder der größeren Bauern blieben im elterlichen Haus oder gingen zu nahen Verwandten. Zu den Dienstboten kamen auf der Geest noch die Imker, Schäfer sowie die Kuh- und Ochsenhirten. Der Antritt des Dienstes und die Auszahlung des Lohnes erfolgten zu Martini oder zu Michaelis. Seine Sachen brachte der Dienstbote in einem Koffer (der Reiselade), später dann in einer Kommode mit. Die Annahme eines Knechtes geschah am Herd bei brennendem Feuer. Der Bauer legte einen Mietpfennig in den Kesselhaken und verpflichtete den Knecht durch Handschlag über der Herdecke. Letzterer nahm darauf das Geldstück zu sich und nunmehr ,,eidlich“ wie es nach altem Brauch heißt, gemietet. Die Frau mietete eine Magd auf ganz ähnliche Weise, nur indem sie den Mietpfennig auf die hintere linke Ecke des Herdes legte, dorthin, wo sie einst ihren Herd übernommen hatte.

Der Lohn betrug für einen Großknecht (1793 und 1850) 20 Taler, für einen Kleinknecht 12 Taler. Eine Großmarkt erhielt 9 Taler, 20 Ellen Hanf, 3 Ellen Flachs, 3 Ellen Leinen und einen Rock, die Kleinmagd erhielt 7 Taler und sonst etwa dasselbe wie die Großmagd. Ein Tagelöhner erhielt pro Tag 60 – 70 Pfennig. Das war sicherlich nicht viel, denn ein Himpten Roggen kostete 1 Taler, 1 Pfund Butter 50 Pfennig, 1 Pfund Schweinefleisch 27 Pf. 1 Kuh 20 Taler, 1 Paar Schuhe 20 gute Groschen, 1 Tuchrock 8 – 10 Taler.

Von den Dienstboten wurden nur die ihm zugedachten Arbeiten verrichtet. Der Kleinknecht war für das Füttern der Kühe, sowie das Ausstreuen der Ställe und für Hilfe bei den gröberen Arbeiten in der Landwirtschaft zuständig. Anders der Großknecht, der für die Pferde und Maschinen zuständig war. Der Bauer half hier und dort, insbesondere besorgte er das Aussäen des Getreides sowie das Einbringen der Ernte. Das Melken hatten die Mägde gemeinsam zu besorgen, das Tränken der Kälber war die Pflicht der Großmagd, das Füttern der Schweine besorgte die Bäuerin selbst. Die Kleinmagd war häufig in der Hauswirtschaft zu finden, die Großmagd besorgte das Weben, während sie im Übrigen mehr mit den die Landwirtschaft betreffenden Arbeiten beschäftigt war.

Abb. 10 zeigt eine Reihe von Frauen aus Tosterglope bei der Feldarbeit. Sie musste sogar bei der Knechtsarbeit mit aushelfen. Beim Hinausgehen auf das Feld und Hineingehen zum Tisch wurde genauestens auf die Rangordnung geachtet. Voran ging der Großknecht und den Schluss bildete die Kleinmagd. Ehe der Großknecht nicht in die Schüssel langte, durfte keiner mit der Mahlzeit beginnen. Der Großknecht schnitt das Brot. Die festen Speisen aß jeder von seinem hölzernen Teller, die flüssigen wurden mittels hölzerner Löffel von allen gemeinsam aus einer einzigen zinnernen, später aus einer Tonschüssel gegessen. Die Dienstboten blieben meistens sehr lange auf dem Hofe. Die Arbeitszeit ging von morgens um 4 Uhr bis abends zum dunkel werden. Am Michaelissonntag fand in der Kirche das Erntedankfest statt; ein Anlass, bei dem das Gotteshaus gewöhnlich voll war, und an dem auch für die Armen gespendet wurde. Abb. 11 zeigt den Erntewagen auf dem Erntedankfest in Tosterglope (Aufnahme aus den zwanziger/dreißiger Jahren).

Löhne und Preise anno 1719

Jahreslöhne : Köchin 7 Taler
Hausmagd – 8 Taler
Magd – 6 Taler
Knecht – 14 Taler
Schweinehirt – 11 gute Gr., 6 Pfg. inkl.,,Stiefelgeld “

Zu diesem Bargeld muss man noch die Naturalleistung des jeweiligen Arbeitgebers in Form von Verpflegung, Wohnung und Deputatsholz rechnen.

Preise : 1 Pfd. Butter – 2 gute Groschen
1 Pfd. Kalbfleischs – 9 Pfennige
1 Pfd. Hammelfleisch – 1 guter Groschen
1 Ente – 2 gute Groschen
1 Hering – 6 Pfennige
1 Pferd – 15 Taler
1 Ochsen – 18 Taler
1 Kuh – 9 Taler
1 Huhn – 1 guter Groschen, 6 Pfennige
1 Bleifeder – 2 gute Groschen
Briefporto nach Berlin – 3 gute Groschen

Beispiele für Kaufkraft am Beispiel der Magd.

Bei einem Jahreslohn von 6 Taler hatte die Magd monatlich an barem Geld 0,5 Taler = 12 gute Groschen zur Verfügung.
Das entsprach dem Wert von 6 Pfd. Butter
oder 16 Pfd. Kalbfleisch
oder 24 Heringe
oder 6 Bleifedern
oder 4 Briefporto nach Berlin
oder 12 Hühnern.

Der Kauf einer Kuh erforderte den 1 1/2 fachen Jahreslohn. Für ein Pferd hätte sie 2 1/4 Jahreslöhne aufwenden müssen.

Das Geld: 1 Taler = 4 gute Groschen (ggr)
1 ggr = 12 Pfennige
1 Taler = 288 Pfennige
Quelle : Parum – Schultze – Haus, Lüben

d) Eheschließungen

Wenn die Kinder der Bauern heiratsfähig geworden waren, begannen die Eltern unter den Söhnen bzw. Töchtern ihres Standes und innerhalb des Bekanntenkreises Umschau zu halten. Dabei war zu beachten, dass keine nahen Verwandten, nicht einmal Verschwägerte, Stiefeltern und Kinder, Gevattern und Paten untereinander heiraten durften. Die Söhne mussten mindestens 24, die Töchter 20 Jahre alt sein. Der Altersunterschied zwischen Verlobten durfte nicht zu groß sein.

Der Hoferbe ( Meier ) war bei der Brautwahl, von der Zustimmung des Grundherren abhängig, der darauf sah, dass die junge Frau auch das nötige Vermögen mitbrachte. Nachdem der oder die passende Person gefunden bzw. ausgesucht worden war, kamen die Verwandten der Heiratskandidaten zusammen um die Mitgift festzusetzen und die Verlobung zu feiern. Zuerst wurde das Herdfeuer angezündet und die geladenen Verwandten und Bekannten stellten sich um dasselbige herum. An die linke Ecke des Herdes traten die beiderseitigen Eltern des Brautpaares. Dann ließ der Bräutigamsvater die jungen Leute herantreten, die Braut zur Linken, den Bräutigam zur Rechten, und sagte in primitiver Weise etwa: ,,So, Kinder, Ihr wollt Euch verloben, wollt Ihr treu bleiben und das halten, was Ihr Euch versprach? Besinnt Euch gut, ehe Ihr den Schritt tut, denn was Ihr heute sagt beim brennenden Feuer und unter dem Kesselhaken, das ist so viel wert wie ein Eid, und wenn einer von Euch sein Jawort zurück nimmt, dann muss er es durch Geld auf der Ecke des Herdes wieder zurückkaufen, und das ist nachher eine Schande für Euch und Eure Familie. Ihr könnt Euch dann nicht mehr sehen lassen, bedenkt auch, was die Leute dazu sagen, wenn Ihr wieder auseinander lauft.“ Nach einiger Verlegenheitspause der Verlobten folgte die energische Mahnung:

„Heraus mit dem Jawort, entweder- oder.“, Ja Vater, wir wollen uns treu bleiben.“, Na, dann gebt Euch die rechte Hand über die Ecke vom Herd.“ Der Vater schlug darauf die gefassten Hände mit der Rechten durch und sagte: ,,So Kinder, nun seit Ihr Brautleute“, und sich an den Sohn wendend: ,, Führ Deine Braut dreimal um den Herd, wo sie hernach ihre Arbeit hat. “Dies wurde ausgeführt und nun war der feierliche Akt der Verlobung beendet.

Die Mitgift bestand fast stets in Geld übergeben, aber auch in Naturalien, die z. B. in Vieh oder Haushaltsgegenständen und Kleidung bestanden. Der wichtigste und am meisten beachtete Bestandteil der Aussteuer war natürlich das Geld. Die Höhe der Summe richtete sich nach der Größe des Hofes und der Anzahl der „auszusteuernden“ Kinder. Sie lag bei uns in der Gegend zwischen 30 und 200 Taler. Bei den Kötnern betrug sie eine Summe von 5 bis 20 Taler. Bei uns in der Geest waren in der Regel, Pferde nicht Bestandteil der Aussteuer, dagegen aber 3 – 8 Rinder, eben so viele Schweine, 1/2 bis 1 Tonne Honig, 20 – 30 Schafe, sowie 3 – 8 Sack Roggen und Hafer.

Der dritte Teil der Mitgift bestand aus dem sog. Kistenpfund. Der Inhalt einer Kiste aus dem Jahre 1825 bestand z. B. aus einem Bett, 12 Bettlaken (jedes zu 15 Ellen), 20 Ober- und Unterhemden, 2 Handtüchern, 3 Tischlaken, 1 Tafellaken und 12 Stuhlkissen. Zu der ganzen Aussteuer kamen noch ein Kleiderschrank (bei den größeren Bauern aus Eiche gefertigt, bei den Kötnern bevorzugt aus Tanne), sowie ein Tellerbrett mit 12 hölzernen Tellern, ein Salzfass und manch andere notwendige Kleinigkeiten. Hinzu kamen dann noch die Kosten für die Verlobung- und die Hochzeitsfeier, die von den Eltern ausgerichtet wurde und natürlich auch bezahlt werden musste. Schon die Einladung zur Hochzeit war eine festliche Angelegenheit. Ein Hochzeitsbitter ritt oder fuhr von Hof zu Hof um die Gäste zum Feste einzuladen. Er trug einen festlichen Rock, einen mit bunten Bändern verzierten Stock und einen allmächtigen Hut nach Altväter Art, von dem wiederum lange Bänder flatterten. Kam er auf dem Hof, so feuerte er einen Pistolenschuss ab, worauf der Bauer aus dem Hause trat. Dann sagte er seinen Spruch auf, der auch des Humors nicht entbehrte.

Der Beginn eines solchen Spruches lautet:

,,Hier komm`ich geritten.
Hätt`ich kein Pferd, so käm`ich geschritten.
Weil ich nun aber habe ein Pferd unter mir,
so kann ich reiten nach meinem Pläsir.
Glück ins Haus!
Alles Unglück zur Tür und zum Fenster hinaus!
Hochzeitliche Gäste will ich laden sein,
jung und alt, groß und klein,
so wie sie in diesem Hause versammelt sein.
Denn ich bin ausgesandt von wegen Braut und
Bräutigam,
Heinrich Meier und Anna Schmidt, euch zu laden
zur Hochzeit
auf den 1. Februar, morgens neun Uhr.
Denn in dem hochzeitlichen Haus
wird es geben einen fetten Schmaus.
Es sind geschlachtet dreißig Ochsen, vierzig Schweine,
fünfzig Hammel. Schnepfen und Kramsvögel
werden bei schockweise abgeschlachtet. Es werden auch noch zwei Männer ausgesandt
von wegen Braut und Bräutigam, der Jäger auf den See
und der Fischer auf der Heide.
Was diese beiden Männer fischen und fangen,
das sollt ihr am dritten Tage in Überfluss erlangen.
Vornehmlich tu`ich euch junge Herren bitten,
das ihr euch nicht Vollsaufen,
nicht mit den Jungfrauen in die Ecke lauft,
denn die Ecken sind bedenklich ……“ usw.

Nach dem Spruch wurde der Bitter zum Frühstück eingeladen und bekam von den Mädchen ein Geldstück mit Kreuzstich an den Hut genäht, den er bei der Hochzeit mit Stolz trug. Einen Tag vor der Hochzeit fand der Polterabend im Hause statt. Die Hochzeit fand in der Geest im allgemeinen in dem Hause statt, in das eingeheiratet wurde, in der Südheide beim Bräutigam, in der Elbmarsch dagegen stets bei der Braut. Geheiratet wurde am liebsten im Herbst nach der Ernte. Die Hochzeit dauerte früher bis zu 8 Tage (z. B. für das Jahr 1820 in Brackede belegt). Zwischendurch gingen die Gäste zum Schlafen nach Hause. Messer und Löffel brachte jeder Gast selbst zur Feier mit.

Der Hochzeitswagen war geschmückt und die Peitschen der Fuhrleute waren mit bunten Bändern verziert. Bei der Fahrt zur Kirche wurde den Kindern trockenes Obst, Kuchen oder Geld zugeworfen. Ein bedürftiger Erwachsener erhielt unterwegs den mit Geld gespickten Brautapfel. Bei der Trauung verlieh der Pastor auch die Trauringe, wer sie benutzte zahlte dafür 4 gute Groschen. Bei der Rückkehr von der Kirche wurde der jungen Braut ein Glas mit Wein gereicht, das sie nachdem sie es ausgetrunken hatte zur Erde warf, so dass es zerbrach. Es solle dem Brautpaar Glück bringen. Bei der Hochzeit galt es mancherlei zu beachten. Wer z. B. beim Ineinanderlegen der Hände die Hand oben hatte, bekam das Regiment in der Ehe. Sturm am Hochzeitstage bedeutete auch Sturm in der Ehe. Wer von den jungen Eheleuten zuerst aus der Kirche trat, musste auch zuerst sterben. Auch bei diesem Thema ließe sich die Liste noch fortsetzen.

Bei dem betreten des Hauses wurde das Brautpaar an der Haustür mit folgenden Spruch aufgehalten „Wollt Ihr immer Treu zueinander sei?“ Das Paar antwortete mit „Ja“. „Wollt Ihr Vater und Mutter ehren?“ Das Paar antwortete mit „Ja“. Nachdem die Tür geöffnet wurde bekamen Beide ein Glas mit Schnaps und wurden mit dem Spruch „Wo Liebe, da Friede. Wo Friede, da Glück das wünsch ich Euch Beiden mit diesen kühnen Schluck“ Das Paar tranken die Gläser aus und warfen sie hinter sich. Danach ging die Hochzeitsgesellschaft zum Feiern ins Haus.
Ein zweiter Spruch aus dieser Zeit der an der Kirche gesagt wurde lautete:
Ich bring Euch Salz, ich bring Euch Brot
Dem lieben, jungen Pärche
Wünsch ich, das nie es leide Not
Dann lebt es wie im Märchen.
Mög eine gütige Wunderfee
Euch treulich stets geleiten.
Das es Euch immer wohlergeh
In guten und bösen Zeiten

Aus der Südheide wird berichtet, dass noch 1880 eine Hochzeit stattfand, zu der 300 Gäste geladen waren. Auf der auf 3 Tage beschränkten Feier wurden folgende Naturalien angeliefert: 3 Rinder, 3 fette Schweine, 6 Schafe, 12 Enten, 30 Hühner, 30 Achtel Bier, 2 Fass Branntwein, 300 Flaschen Wein, 100 Pfund Butter, 50 Pfund Reis, Brot von 24 Himpten Roggen und Kuchen von 48 Himpten Weizen und vieles mehr. Trennte man sich dann am frühen Morgen, so drückte man dem Ehemann eine Gabe als Hochzeitsgeschenk in die Hand.

e) Geburt, Taufe und Tod

Das Leben der Menschen war von der Wiege bis zum Sarge eingefügt in einem Rahmen, bestehend aus unentwegter Arbeit und uralten Sitten und Gebräuchen. Schon bald nach der Geburt des Kindes wurde es getauft, gewöhnlich nach dem dritten Tage, an manchen Orten an den folgenden Sonntag. Jedenfalls hielt man es nicht für gut, wenn man das Kind ungetauft einen Sonntag “ liegen “ ließ. Die Taufe wurde stets in der Kirche, meistens im Vormittagsgottesdienst und nur in Notfällen im Hause oder in der Pfarre vorgenommen.

Das Taufzeug wurde von der Frau des Pastors geliehen, die dafür eine Gebühr erhob. Einzelne Orte hatten auch das Recht, ihr Taufzeug selbst zu halten. Es wurde durchweg 3 Gevattern (Taufpaten) zugelassen, je nach Geschlecht des Täuflings zwei desselben und ein Angehöriger/ eine Angehörige des anderen Geschlechtes. Bei der Auswahl der Gevattern fing man bei den nächsten Verwandten an, wie z. B. den Eltern, Großeltern, Geschwistern usw.. Nach der Tauffeier in der Kirche wurde das so genannte Kindelbier ausgeschenkt. Es wurde reichlich gegessen und getrunken; um 1820 oft zwei Tage lang. Nach sechs Wochen erhielt die Mutter des Kindes eine Danksagung in der Kirche, wofür sie eine Gebühr bezahlen mussten.

Wer in der Vitus Kirche zu Barskamp taufen ließ, der musste dafür dem Vogt den so genannten Kindfuß geben: Ein Sechslings = Stuten und ein Kuhkäse zu vier Pfennige. War jemand gestorben, so wurde die Uhr in der Stube angehalten und der Spiegel verhängt. Man öffnete das Fenster und stellte eine Schüssel mit Wasser ins Zimmer. Der Sarg wurde im Trauerhaus aus dem vorhandenen Notholz gezimmert. Das Totenhemd war bereits vorhanden, denn es gehörte mit zur Aussteuer. Die Leiche wurde in ein Bettlaken gewickelt.

Das Begräbnis wurde ausgerufen. Als Träger wurden die Nachbarn des Verstorbenen bestimmt. Bei Verheirateten trugen nur Verheiratete den Sarg, bei Unverheirateten auch nur Unverheiratete. Totenwachen bei Unverheirateten wurden 1777 bei der Strafe von sechs Tagen Gefängnis verboten, da die Totenfeiern oft zu Gelagen ausarteten. Am Beerdigungstag wurde der offene Sag oben auf der großen Diele aufgestellt. Die Leidtragenden saßen an beiden Seiten der Diele. Die Frauen waren an manchen Orten in große weiße Laken gehüllt.

Das Schließen des Sarges und das Hinaustragen aus dem Hause besorgten die Träger. Der Sarg wurde so aus dem Hause getragen, dass der Tote mit den Füßen zuerst das Haus verließ, da man befürchtete, dass sonst der Tote zurückkehren und jemanden nachholen könnte.

Der Sarg wurde auf eine Leiter oder einem Ackerwagen gestellt und auf alten Leichenwegen zum Friedhof gefahren. Das Grab wurde von den Trägern zugeschaufelt, sie mussten auch die Strohbündel des Leichenwagens in ein Gewässer werfen. Auf das Grab setzte man später ein einfaches Holzkreuz mit Inschrift. Die Begräbniskosten betrugen um 1700 für den Sarg 2 Taler und 18 Mgr., für den Pastor 1 Taler, für den Küster 18 Mgr., für die Träger, Kuhlengräber und das Geläut 1 Taler, für die Leichenfrau 2 Mgr. und für das Leihen des Leichenlakens 3 Mgr.. Vor der Abfahrt aus dem Trauerhaus und nach der Rückkehr des Gefolges gab es eine Mahlzeit. Bei einem Sterbefall, Frau oder Mann gehörte die Hälfte des Vermögens dem Grundherren, doch sie begnügten sich meistens mit weniger. z.B. von dem Nachlass der Frau: Ihre besten Kleider, Röcke, Hemden, Kogeln ( Mützen ), ein Paar Schuhe, ihr bestes Bett, decken, ein Tisch usw.

Vom Mann: das beste Pferd neben Sattel und Zaun, sein besten Harnisch, Schild, Schwert, Helm und Speer, seine besten Kleider usw. Die Trauerzeit, in der insbesondere die Frauen schwarze, allmählich heller werdende Kleidung tragen mussten, dauerte ein Jahr. Bei uns führte der alte Leichenweg vom Barnbeck kommend zwischen Schoop und Kurmis sowie an Tiedemanns Hof vorbei nach Barskamp.

f) Hofübergabe

Wollte der Bauer den Hof seinem Sohn übergeben und sich aufs Altenteil zurückziehen, so mussten sich die Knechte an die vordere linke Ecke des Herdes neben den Besitzer, die Mägde an die rechte hintere Ecke stellen. Die junge Frau trat allein an die hintere linke Ecke. Die Hofbesitzersfrau entzündete das Herdfeuer und sagte: ,,So, Vater, das Feuer brennt, nun kannst Du Deinen Hof abgeben“. Letzterer ließ seinen Sohn an den Herd herantreten und sprach:„Leg den rechten Daumen in den Kesselhaken und übernimm Deinen Hof.“ Der Vater legte seinen linken Daumen in den Kesselhaken und sich zu den Knechten wendend, sprach er: ,,Heute gebe ich meinen Hof an meinem Sohn ab, von nun an müsst Ihr ihm gehorchen, wollt Ihr das?“ Meistens gaben die Knechte das Versprechen gern, besonders, wenn sie mit dem jungen Bauern besser fertig werden konnten als mit dem alten. Nach ernstlichen Ermahnungen des Vaters einerseits, auch betreffs des Altenteils, wurde die Hofübergabe mit Handschlag beim brennenden Feuer ausgeführt, und die Mutter musste durchschlagen. Darauf folgte die Herdübergabe an die junge Frau. Die Bäuerin nahm einen brennenden Holzspan vom Feuer und gab ihn der Nachfolgerin mit den Worten: ,,So übernimm jetzt Deinen Herd mit brennendem Feuer.“ Die junge Frau legte nun den Brand unter den Grapen (Kessel). Dann folgte eine ähnliche Entsagung und Ermahnung der Bäuerin, und Versprechung der Mägde ähnlich wie bei den Knechten, und auch eine feierliche Zusicherung der Altenteilversorgung und der Forderung, gemeinsam am Tisch die Mahlzeiten einzunehmen. Darauf wurde der Herd mit Handschlag der beiden Frauen über der Ecke desselben übergeben, und der Vater tat das Durchschlagen mit kräftigem Schlag. Die beiden alten Leute zogen sich in ihre Altenteilerstube zurück. In einigen Teilen Niedersachsens war es üblich, dass die junge Frau nach der Herdübergabe den Grapen vom Herd nahm, ihn wieder anhakte und mit dem Besen um den Herd fegte, als Zeichen, dass sie ihre Arbeit an der wichtigsten Stelle ihres Hauses angetreten hatte. Die große Bedeutung, die dem Herd und Kesselhaken in früherer Zeit beigelegt wurde, zeigt sich auch darin, dass bei Feuersbrünsten der Besitzer des brennenden Hofes bedacht war, neben seinem Vieh vor allem den Kesselhaken seines Herdes zu retten, den er als Urkunde seines Besitzes ansah.

Erhielt ein anderer Bauer den Hof, so nahm er Besitz, indem er den Kesselhaken berührte; wurde im Lüneburgschen dem Pächter eines Schillingshofes gekündigt, so wurde der Schilling an den Haken gehängt. In zahlreichen Urkunden, noch bis zum Jahre 1803, ist auch zu lesen, dass der häusliche Kesselhaken als Marke in Grenzbeschreibungen aufgestellt wird.

g ) Erntebrauch u. Erntefest

Seitdem Sichel und Sense durch die seelenlose Mähmaschine völlig verdrängt worden sind, hat die Ernte, de Arn, trotz der Zähigkeit, mit der gerade das Landvolk am Altüber-lieferten hängt, viel von ihrer Poesie eingebüßt. Die Freude an der Arbeit ist nicht mehr so groß wie ehemals, ,,Arbeitgeber“ und ,,Arbeitnehmer“ stehen sich häufig verständnislos gegenüber und das schöne patriarchalische Verhältnis von einst besteht nicht mehr. Das hat auch mit beigetragen, dass die sinnigen uralten Erntebräuche größtenteils in Vergessenheit geraten sind. Am längsten haben bislang der Erntekranz und Erntekrone in Niedersachsen gehalten. Seitdem das Erntefest vom Bauernhof in die Gastwirtschaft verlegt worden ist, hat sie viel von ihrer Ursprünglichkeit verloren. Jahrhunderte war es eines der schönsten Dorffeste, nun aber ist es ziemlich eintönig und farblos geworden. Nach alten Brauch begann man in vielen Gegenden der Heide mit dem Mähen des Roggens so viele Tage vor Jacobi (25.Juli), wie der Flieder vor Johanni geblüht hat: wat de Teeblomen vör Jacobsdag. Während der ganzen Kornernte wird um elf Uhr vormittags mit der Kirchenglocke geläutet, um die Erntearbeiter davon zu unterrichten dass die Zeit zum Mittagessen herannaht.

Zur Ernte holte die Bäuerin ihre besten Schinken und Mettwürste vom Wiem herunter, es wurde Butterkuchen gebacken und kühle Getränke zubereitet, die dann an die Mäher und Binderinnen verteilt wurden. Manchmal musste sogar ein Hammel oder ein Kalb sein Leben lassen.

Mit dem Hofbesitzer, seiner Familie oder auch Zuschauer hatten die Mähern oder Binder innen ihre Späße getrieben um so etwas Geld zu bekommen. Auch ein heidnisches Ernteopfer war weit verbreitet, so war es eine weit verbreitete Sitte, nach dem Einholen des letzten Getreidefuders einen Hahn (eine Erinnerung an Donar, dem das Tier geweiht war) zu schlachten. Den Hahn verzehrte man mittags. Den letzten Tag der Ernte begann man besonders festlich. Nach dem Mähen des letzten Getreides erschien auf dem Felde, dessen Besitzer zuerst mit der Arbeit fertig geworden war, einige bestellte Musikanten und spielten ein lustiges Stück. Dann ging es weiter zum nächsten Felde, und überall schlossen sich die Mäher und Binderinnen dem Zuge an, der immer länger wurde. Schließlich marschierte man ins Dorf, an dessen Eingang ,,Nun danket alle Gott“ gespielt wurde. Nach Beendigung des besonders guten und reichen Abendessens trafen sich alle beim Tanz auf der Diele eines Bauernhofes wieder. Später folgte eine große gemeinsame Feier, das bekannte Erntebier, das meist zwei Tage dauert und im Herbst heute noch überall im Bereich der Lüneburger Heide gefeiert wird. Leider ist das Erntefest mehr oder weniger zu einer bloßen Tanzerei herabgesunken und nur der Erntekranz in den Kirchen oder Gasthäusern erinnern noch an den alten Brauch des Erntefestes.